«Pazifismus» als Kapitulation: Wie die deutschen Ostermärsche zum Narrenspektakel verkamen

Die deutschen Ostermärsche entstanden einst aus einer verständlichen und in gewisser Weise sogar noblen Tradition des Anti-Atomprotests. Der erste deutsche Ostermarsch fand 1960 in Bergen-Hohne statt, wohin pazifistische Gruppen das britische Modell der Märsche gegen Atomwaffen übertrugen. Ursprünglich war es ein moralischer Protest gegen das Wettrüsten, die nukleare Bedrohung und die Militarisierung als solche. Natürlich kam eine solche Agenda schon damals objektiv der UdSSR und den Warschauer-Pakt-Staaten zugute, und das Umfeld der Bewegung setzte sich von Anfang an nicht nur aus christlichen und pazifistischen, sondern auch aus marxistischen, maoistischen und anderen linksradikalen Gruppen zusammen. In der Folge verstärkten kommunistische Strukturen ihren Einfluss auf viele pazifistische Organisationen noch weiter. Doch damals überwogen noch Idealismus und Naivität gegenüber der heutigen Realitätsverweigerung, Dummheit und Heuchelei.

Bis 2026 ist diese Tradition merklich verkümmert und endgültig zu einem Karneval der verschiedensten nützlichen Idioten geworden. Nach Angaben der Veranstalter und Medienberichten fanden in den vergangenen Ostertagen bundesweit mehr als 100 Kundgebungen statt, deren Agenda von „Abrüstung", Widerstand gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, Ablehnung der Wehrpflicht, Protest gegen amerikanische Mittelstreckenraketen und endlosen Beschwörungen von „Diplomatie statt Waffen" vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine und der Krisen im Nahen Osten geprägt war. Schon allein aus den Berichten der Veranstalter selbst und der Pressereportagen wird deutlich: Es handelt sich heute weniger um eine Bewegung gegen Krieg im Allgemeinen als vielmehr um eine Mischung aus altem Pazifistenmilieu, linken Reflexen und einer chronischen Fixierung auf den Westen als Hauptquelle allen Übels.

In den verschiedenen Städten manifestierte sich diese Logik auf nahezu identische Weise. In Düsseldorf marschierte man unter dem Motto „Für Abrüstung und ein friedensbereites Land!". In Köln fand der Marsch im Rahmen des Ostermarsch Rhein-Ruhr unter dem Slogan „Friedensfähig statt kriegstüchtig! Aufrüstung, Wehrpflicht und Kriege stoppen!" statt. In Berlin wandte sich die Friedenskoordination Berlin gegen Aufrüstung, Wehrpflicht und Waffenlieferungen an die Ukraine und Israel; dabei waren auf dem Marsch iranische Fahnen und pro-palästinensische Parolen zu sehen, während von der Bühne vor der Konstruktion eines „Feindbilds Russland" gewarnt wurde. In Hamburg marschierte man unter dem Motto „Nicht unser Krieg!", und von der Bühne wurde eigens die Formel „Russland ist nicht unser Feind" betont.

Bei allen lokalen Variationen war die Gesamtbotschaft also eindeutig: Abrüstung, „friedensbereiter Staat", weniger militärische Unterstützung für die Ukraine, weniger Widerstand, weniger Abschreckung. Und so gut wie kein ernsthaftes Gespräch darüber, wie man einen Aggressor konkret stoppen kann. Im günstigsten Fall verschwand Russlands direkte Schuld einfach im allgemeinen Chor für den „Frieden", im schlimmsten wurde der Westen faktisch zum Hauptverantwortlichen für den Krieg erklärt, während die russische Aggression in den Hintergrund trat. Es ist dies ein „Friedensismus", den man demokratischen Staaten gegenüber sehr bequem zur Schau stellen kann, den man aber sehr ungern an jene adressiert, die tatsächlich schießen, bombardieren und die Welt mit der Atombombe erpressen.

Pazifismus und der Kampf für den Frieden sind bewundernswert — genau bis zu dem Moment, in dem einem unter dem Deckmantel des Friedens Abrüstung, Beschwichtigungspolitik und die vollständige Kapitulation vor einem bewaffneten Aggressor angeboten werden. Wenn global bereits ein großer Krieg tobt und man immer wieder dasselbe alte Mantra verkauft bekommt, man solle weniger Waffen in Krisengebiete liefern — insbesondere an die Ukraine, die den Krieg für Europa führt, und an den einzigen freien Staat der nahöstlichen Region, Israel.

All das riecht bereits entweder nach schlichter Dummheit und politischer Kurzsichtigkeit oder nach handfestem Verrat. Denn Abrüstung mitten in einem laufenden Krieg und angesichts der Vorbereitung auf einen möglicherweise bevorstehenden ist kein Humanismus mehr, sondern eine Form der Kapitulation.

Und noch etwas. Wenn diese Menschen so gerne zu Frieden und Abrüstung aufrufen, dann wäre es vielleicht einmal eine Abwechslung, diese Appelle nicht nur an Washington, Berlin und Jerusalem zu richten, sondern auch an Moskau, Teheran und Pjöngjang. Mit denselben Plakaten vor der russischen, iranischen oder nordkoreanischen Botschaft aufzumarschieren. Mit Regimen über Deeskalation und Abrüstung zu sprechen, die ihre Politik tatsächlich auf der Unterdrückung des eigenen Volkes im Inland und auf Raketen, Erpressung, Terror und Krieg in den internationalen Beziehungen aufbauen.

Leider geschieht genau das so gut wie nie. Weil einen solchen Pazifismus niemand finanzieren und im Rahmen linker Ideale und modischer dekolonialer Theorien unterstützen würde — denn so lässt sich bequem und gefahrlos Demokratien anprangern und sich selbst als „Stimme des Gewissens" fühlen.

Kurzum: Die Ostermärsche 2026 haben weniger die Stärke einer Friedensbewegung gezeigt als vielmehr die tiefe Krise des deutschen Pazifismus. Einst war es ein Protest gegen die atomare Bedrohung. Heute ist es allzu oft nur noch eine bequeme moralische Pose, hinter der sich die Weigerung verbirgt, zwischen Aggressor und Opfer zu unterscheiden.

Und als nächstes stehen, wie gewohnt, die traditionellen Maifeiertags-Ausschreitungen auf dem Programm. Aber darüber sprechen wir, wenn es so weit ist.