„Sein Ziel ist erreicht!“ Mit diesen Worten wandte sich der oberste Herrscher der gesamten Russischen Föderation, Wladimir Putin, bei einem jüngsten Treffen mit Müttern mobilisierter und in der Ukraine getöteter russischer Bürger an eine der Frauen.
Über die Zusammensetzung der Teilnehmerinnen, zu der inzwischen fast jeder etwas gesagt hat, wollen wir uns hier nicht weiter auslassen. Gerade daran ist nichts überraschend. Ebenso wenig überrascht, dass die Präsidialverwaltung mehrere Monate intensiver Denkarbeit brauchte, um zu erkennen, dass ein solches Treffen wohl notwendig wäre.
Für Menschen, die die heutige russische Realität aus eigener Erfahrung kennen, ist all das nichts Neues. Selbst die höhnisch unbehagliche Kulisse dieses Teetrinkens auf den Knochen der Toten erstaunt kaum noch. Durch eine seltene Fügung war bei diesem Treffen tatsächlich einmal wichtig, was Putin sagte.
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Und genau das musste selbst einen vorbereiteten Menschen treffen – jedenfalls einen Menschen, der im Gegensatz zum früheren Garanten der Verfassung noch ein moralisches Empfinden besitzt.
Zunächst: Herzlichen Glückwunsch! Endlich hat Putin eine schwere Last abgeworfen und eine Art Coming-out vollzogen. Bei Tee und Gebäck, umgeben von Fernsehkameras, brachte der ehemalige Geheimdienstmann Worte hervor, die es wahrlich verdienen, einmal als Motto über dem Kapitel seiner Herrschaft in einem Geschichtsbuch zu stehen, in das er so gern eingehen wollte: „Er lebte für seine Bestimmung – aber besser wäre er am Wodka gestorben …“
Putin wollte die ältere Frau, die ihren Sohn verloren hatte – wenn auch in einem ungerechten Krieg –, offenbar aufrichtig trösten. Tatsächlich zeigte er damit nicht nur, welchen Wert er jenem „Opfer“ beimisst, das heute auf seinen verbrecherischen Befehl hin Tausende seiner Mitbürger an den Fronten in der Ukraine bringen. Er zog zugleich eine Bilanz der Sozialpolitik der vergangenen Jahre.
Das Ergebnis ist tragisch. Der Wert eines russischen Menschenlebens ist nach kräftigem „negativem Wachstum“ ungefähr dort angekommen, wo der Staat den Preis der billigsten Flasche Wodka festsetzt.
Die Aussicht ist im Hinterland wie an der Front dieselbe: Tod. Im ersten Fall wäre es, wie uns der „große Lehrer der Gegenwart“ erklärt, ohnehin kein richtiges Leben gewesen – vielleicht hätte einen der Wodka umgebracht, vielleicht ein Verkehrsunfall.
An der Front dagegen wartet wenigstens der „heroische Tod in Erfüllung der eigenen Bestimmung“! Wofür genau, bleibt allerdings so abstrakt, dass der große Chef es bis heute nicht formulieren kann.
Dafür wird sich der Staat selbstverständlich um Witwen, Waisen, Menschen mit Behinderungen, alleinlebende alte Menschen und schlicht um alle kümmern, die völlig verzweifelt sind. Dem einen werden huldvoll ein paar Holzscheite geliefert, dem nächsten chinesische Handtücher geschickt, jemand anderem im Tausch gegen den Sohn ein Schafskadaver angeboten. Versprechen gibt es natürlich zusätzlich so viele, wie man möchte. Alles ungefähr zum Preis einer Flasche Wodka.
Wenn man die Fassung wiedergewinnt, drängt sich unwillkürlich die Frage auf: Meint ihr das ernst?
Falls die Worte des „Obersten“ tatsächlich unter Schmerzen von Kreml-Redenschreibern ausgearbeitet wurden, sind sowohl die Dimension ihres Denkens als auch die Tiefe ihres Einfühlungsvermögens erschütternd. Ihr Professionalismus zwingt einen, jede Hoffnung endgültig aufzugeben.
Offenbar haben selbst die letzten „talentierten Schurken“ inzwischen begriffen, dass es brenzlig wird, und sind ins sonnige Tbilissi abgereist. Denn selbst völlig verlogene Phrasen über Vaterland, Imperium, die Größe des unbeugsamen Geistes und den übrigen pathetischen Antiquitätenbestand hätten hundertmal passender geklungen.
Noch erschreckender ist die Möglichkeit, dass Putin tatsächlich sagt, was er denkt. Dann haben wir es entweder mit einem vollständigen Verlust seiner beruflichen und sprachlichen Fähigkeiten nach Jahren im Bunker zu tun – oder mit einer derart tiefen moralischen Verwahrlosung, dass sich selbst aufrichtige Bewunderer eines Talents sorgen sollten, das es vielleicht nie gegeben hat.
Ihnen möchte man nur eine Frage stellen: Seid ihr sicher, dass dies der würdige „nationale Führer“, „Anführer“ und „Vater der Nation“ ist, der euch zum „großen Sieg über die weltweite Verschwörung eines Konglomerats aus Satanisten, angelsächsischen Sodomiten und ihren vor ausländischen Botschaften herumstreunenden Helfern“ führen soll?
Für ihn seid ihr doch Staub an seinen Stiefeln und Schimmel in seinem Palast. Ist es nicht langsam Zeit, das zu begreifen?
Die Frage ist in Wahrheit rhetorisch. Antworten wird die Geschichte – jene Geschichte, die Oberst Putin und seine intellektuellen Dienstleister so vergeblich umzuschreiben versuchen.
Ein bemerkenswertes Solo in diesem Chor der Verachtung für die russische Bevölkerung lieferte der stellvertretende Vorsitzende des Regionalparlaments von Nowosibirsk und ehemalige Speznas-Soldat Panferow. Er goss die aus seiner Sicht drei wichtigsten Eigenschaften des Volkes geradezu in Bronze: Robustheit, Standhaftigkeit und Anspruchslosigkeit.
Mit der Überzeugung eines erfolgreichen Viehzüchters beschreibt der Abgeordnete Panferow scheinbar die Vorzüge des ihm anvertrauten Bestands für eine Doppelseite der Zeitung „Ländliches Leben“.
Habt ihr inzwischen verstanden, wohin Raumfahrt, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft verschwunden sind? Sie haben all diese Jahre aus Russinnen und Russen Schlachtvieh gemacht.
Ist das die Zukunft, die wir für unsere Kinder wollen? Eine Kasernen-Viehhaltung für die „Robusten, Standhaften und Anspruchslosen“?
Wollen wir ein Land, in dem unter dem Deckmantel „traditioneller Werte“ eine Gesellschaft aufgebaut wird, die auf Unterwürfigkeit gegenüber Ranghöheren, Intoleranz, Gewalt und gegenseitiger Verachtung beruht?
Eine Gesellschaft, in der das Staatsoberhaupt mit einer Uhr am Handgelenk, die so viel kostet wie ein Kindergarten, wie eine Boa unter Kaninchen über den jährlichen Tod Zehntausender Mitbürger an Hoffnungslosigkeit und Verkehrsunfällen philosophiert?
Und an die rund eine Million Menschen, die in zwei Jahren der Covid-Pandemie „natürlich verschwunden“ sind, denkt er offenbar schon gar nicht mehr. Als hätte es sie nie gegeben – unsere Angehörigen, Freunde, Kolleginnen, Kollegen und Bekannten.
Wir haben für uns bereits entschieden, welche Zukunft wir wollen. Deshalb sind wir hier und jetzt gegen Putin.
Wir sind für freie und echte Wettbewerbswahlen, für das Ende der Willkür der Sicherheitsorgane, für gerechte säkulare Gesetze und Gewaltenteilung, für einen wirklichen Kampf gegen Korruption und Klientelismus, für eine faire Verteilung staatlicher Einnahmen unter allen Bürgerinnen und Bürgern, für Meinungs- und Versammlungsfreiheit, kulturelle Autonomie, Selbstverwaltung und schließlich dafür, dass die Völker Russlands selbst über ihre Macht verfügen.
Unsere Heimat erwacht. Viele Menschen müssen ihre Entscheidung heute noch treffen. Trefft auch ihr sie – solange es nicht zu spät ist.
Unsere Wahl gilt einem glücklichen, wohlhabenden und friedlichen Russland. Einem Land, das mit seinen Nachbarn zusammenarbeitet, statt Krieg gegen sie zu führen. Einem Land, in dem ein Menschenleben über allem steht und die Zukunft nicht in der Wahl besteht, entweder am Wodka zu sterben oder für unfähige Vorgesetzte in den Schützengräben eines verbrecherischen Krieges zu fallen.
Lasst uns endlich gemeinsam ein Land freier und stolzer Menschen aufbauen, ein Land gerechter Arbeit und eines würdevollen Alters. Unser Land.
Wir wissen es: Russland wird frei und glücklich sein. Die Ukraine und Belarus werden für immer unabhängig sein. Und unser gemeinsamer Himmel wird friedlich sein.
WDS