Waleri Panow
Aufgrund einer komplizierten Geschichte und einer schwierigen Vergangenheit begegnet ein erheblicher Teil der russischen Gesellschaft dem Aufbau gesunder zivilgesellschaftlicher Institutionen bis heute mit Skepsis. Häufig fehlt ein Verständnis dafür, wie solche Institutionen funktionieren und welche Werte ihnen zugrunde liegen. Viele Menschen wollen sich nicht als Teil davon begreifen und scheuen die langwierige, sorgfältige Arbeit, die nötig ist, um diese Strukturen aufzubauen und zu stärken.
Es ist fast so, als hätten wir unseren eigenen Mythos von der Funktionsunfähigkeit der Zivilgesellschaft geschaffen und anschließend selbst daran geglaubt. Aber es ist eben nur ein Mythos.
Unter Zivilgesellschaft als Institution versteht man gewöhnlich ein entwickeltes Netz von Beziehungen zwischen Menschen, die Bürger eines Landes sind und sich selbst auch als solche verstehen. Dieses Bewusstsein ermöglicht es sehr unterschiedlichen, teilweise kaum miteinander vergleichbaren Gruppen, sich zur Lösung konkreter Aufgaben zusammenzuschließen, gemeinsame Aktivitäten zu koordinieren, Konsens über aktuelle Fragen zu entwickeln und Wege zur Beilegung von Konflikten vorzuschlagen.
Eine solche zivile Kooperation erhöht das allgemeine Vertrauensniveau in einer Gesellschaft und kann zu größerem Wohlstand beitragen. Sie ermöglicht eine bessere Kontrolle staatlichen Handelns und kann der Regierung helfen, eine Gesellschaft des Ausgleichs aufzubauen, in der die Rechte und Interessen unterschiedlicher Gruppen geschützt werden.
In der Theorie klingt das alles gut. In der Praxis können allerdings nur wenige Länder und Gesellschaften behaupten, diese Ziele vollständig erreicht zu haben. Dennoch ist dies eine Aufgabe, der sich jede Gesellschaft stellen muss, die Wohlstand und Stabilität anstrebt.
Der Aufbau jeder Institution ist außerordentlich schwierig und arbeitsintensiv. Er erfordert viel Zeit, Geduld und Engagement aller Beteiligten – besonders bei einer so komplexen Institution wie der Zivilgesellschaft.
Solche Strukturen entstehen nicht plötzlich. Und sie entstehen auch nicht von oben nach unten. Es handelt sich immer um einen horizontalen Prozess, der sich autonom und auf freiwilliger Grundlage entwickelt.
Wie bereits erwähnt, ist die Zivilgesellschaft keine zentralisierte Organisation mit einem charismatischen Führer und einer vertikal aufgebauten Struktur – auch wenn solche Organisationen innerhalb der Zivilgesellschaft existieren können. Sie ist vielmehr eine dezentralisierte Plattform, auf der sich sehr unterschiedliche Menschen und Organisationen verbinden.
Die Beziehungen zwischen ihnen lassen sich entsprechend als horizontal beschreiben: als freiwillige Beziehungen gleichberechtigter Partner.
Der britische Historiker Niall Ferguson hat mehrere Bücher über Institutionen geschrieben, die seiner Auffassung nach dazu beigetragen haben, dass westliche Gesellschaften in verschiedenen Bereichen große Fortschritte erzielen konnten.
In seinem Buch „Der Niedergang des Westens. Wie Institutionen verfallen und Staaten scheitern“ betrachtet er unter anderem die Zivilgesellschaft und ihre horizontalen Projekte. Er betont ihre große Bedeutung für die Entwicklung mehrerer Staaten im 19. und 20. Jahrhundert, insbesondere der USA und Großbritanniens.
Zu solchen Projekten gehören vielfältige private Vereinigungen, Betriebe, gesellschaftliche Organisationen, ehrenamtliche und gemeinnützige Initiativen, Interessengruppen, religiöse, kulturelle und Bildungsangebote sowie selbst organisierte Infrastrukturprojekte – etwa der Bau von Straßen, Krankenhäusern, Kirchen, Bibliotheken oder Leuchttürmen.
Heute fällt es uns vielleicht schwer, uns das vorzustellen. Doch viele dieser Aufgaben wurden früher nicht von zentralen Regierungsstellen erledigt, sondern von Menschen selbst – aus privater Initiative und im Interesse des gemeinsamen Wohls.
Zur Veranschaulichung zitiert Ferguson den französischen Denker Alexis de Tocqueville und dessen Werk „Über die Demokratie in Amerika“ von 1835 bis 1840. Diese Beobachtungen verdienen auch hier Erwähnung, weil sie die Bedeutung horizontaler Verbindungen besonders gut erklären.
Tocqueville beschreibt, wie die Vereinigungsfreiheit in den Vereinigten Staaten als wirksames Instrument zur Erreichung unterschiedlichster Ziele genutzt wurde. Menschen lernten früh, sich bei Schwierigkeiten zunächst auf die eigenen Kräfte und die Zusammenarbeit mit anderen zu verlassen und staatliche Hilfe erst dann in Anspruch zu nehmen, wenn es ohne sie wirklich nicht ging.
Er beobachtete Vereinigungen für öffentliche Sicherheit, Handel und Industrie ebenso wie moralische, religiöse und gesellschaftliche Zusammenschlüsse. Menschen unterschiedlichsten Alters, sozialer Stellung und Interessen bildeten ständig neue Gruppen.
Es ging dabei nicht nur um kommerzielle oder industrielle Vereinigungen. Bürger schlossen sich zusammen, um Feste zu organisieren, Schulen zu gründen, Hotels und Speisehäuser zu bauen, Kirchen zu errichten, Bücher zu verbreiten, Missionare in andere Teile der Welt zu entsenden oder Krankenhäuser, Gefängnisse und Schulen zu schaffen.
Ein ähnliches Beispiel nennt der bekannte Ökonom und Nobelpreisträger Ronald Coase in seinem kurzen Essay „The Lighthouse in Economics“. Er untersucht die Geschichte des Leuchtturmbaus auf den Britischen Inseln und kommt zu einem zunächst überraschenden Ergebnis: Obwohl Leuchttürme in Großbritannien heute staatliche Infrastrukturobjekte sind, wurde ein erheblicher Teil ursprünglich von lokalen Bürgern für den eigenen Bedarf und auf eigene Kosten gebaut. Erst später wurden viele dieser Einrichtungen verstaatlicht.
Diese Beispiele zeigen ein hohes Maß an gesellschaftlicher Beteiligung, Selbstorganisation und gegenseitiger Kooperation. Genau das bezeichnet man als Aufbau horizontaler Verbindungen – als partnerschaftliche Beziehungen zwischen gleichberechtigten Menschen.
Mit der Zeit nahm die Bedeutung vieler privater zivilgesellschaftlicher Vereinigungen ab, weil immer mehr ihrer Aufgaben auf staatliche Strukturen übergingen. Dadurch sank auch der unmittelbare Bedarf an ziviler Kooperation.
Heute lernen Menschen ihre Nachbarn vergleichsweise seltener kennen, investieren weniger in langfristige horizontale Beziehungen und beteiligen sich seltener an der Lösung gesellschaftlich wichtiger Aufgaben – jedenfalls im Vergleich mit vielen Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert.
In den Staaten der ehemaligen Sowjetunion wurde private zivilgesellschaftliche Initiative „von unten“ über lange Zeit entweder direkt unterdrückt oder zumindest nicht gefördert. Zentrale Behörden wollten möglichst alle Fragen selbst regeln. Eine Folge davon ist, dass viele postsowjetische Gesellschaften bis heute mit gesellschaftlicher Passivität und einem niedrigen Grad an Selbstorganisation zu kämpfen haben.
Die Vorstellung, jemand anderes werde schon für uns denken und handeln, ist weiterhin verbreitet. Ebenso gibt es viele Beispiele von Menschen, die selbst etwas verbessern wollten und dafür auf Widerstand stießen.
Fehlt in einer Siedlung beispielsweise eine Straße und baut ein Bewohner sie auf eigene Kosten, kann er am Ende wegen eigenmächtigen Handelns bestraft und dazu verpflichtet werden, die Straße wieder abzureißen.¹
So entstehen negative Anreize – und mit ihnen ein niedriges Vertrauensniveau in der Gesellschaft.
Wenn dann plötzlich eine kollektive Aufgabe schnell gelöst werden muss, etwa eine Impfkampagne für die Bevölkerung, erschwert das geringe Vertrauen eine wirksame und hochwertige Umsetzung. Das gesellschaftliche Wohlergehen beginnt zu sinken.
Der Aufbau jeder stabilen Institution ist in der Regel ein langfristiges Projekt. Mit sofortigen Ergebnissen sollte man nicht rechnen.
Von Menschen wird verlangt, ihr gesellschaftliches Bewusstsein, die Qualität öffentlicher Diskussionen sowie ihre Bereitschaft zu Dialog und Kompromiss ständig weiterzuentwickeln.
Wir müssen verstehen, dass jeder Mensch und jede soziale Interaktion ein kleiner Baustein beim Aufbau oder beim Abbau zivilgesellschaftlicher Institutionen ist. Von unseren Anstrengungen hängt ab, ob wir unsere Konflikte und die Belastungen unserer Vergangenheit überwinden und gemeinsam eine gesunde Bürgernation aufbauen können.
Empfohlene Literatur
Wer sich ausführlicher mit dem Thema beschäftigen möchte, dem seien einige grundlegende Werke empfohlen:
Alexis de Tocqueville – „Über die Demokratie in Amerika“
Niall Ferguson – „Der Niedergang des Westens. Wie Institutionen verfallen und Staaten scheitern“
Pjotr Kropotkin – „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“
David Green – „Reinventing Civil Society“
Alexander Ausan – „Ökonomie von allem. Wie Institutionen unser Leben bestimmen“
Ronald Coase – „The Lighthouse in Economics“
Nikolai Epple – „Die unbequeme Vergangenheit“
Steven Pinker – „Aufklärung jetzt“
Anmerkung
¹ Ein Fall aus dem Jahr 2017: Ichtijandr Scharipow aus der Region Tscheljabinsk wurde gerichtlich zu einer Geldstrafe von zweieinhalb Millionen Rubel verurteilt, nachdem er eigenmächtig eine Straße gebaut hatte. Außerdem sollte er die Straße wieder entfernen und den ursprünglichen Zustand des Geländes herstellen.