Am 10. Mai 2022 erklärte Bundesaußenministerin Annalena Baerbock in Kyjiw erstmals, Deutschland wolle vollständig auf russische Energieträger verzichten. Bereits am 10. August trat das Kohleembargo in Kraft. Seit dem 5. Dezember wurden nach Inkrafttreten des Ölembargos keine russischen Öllieferungen auf dem Seeweg mehr gekauft, und seit dem 1. Januar 2023 auch kein Pipeline-Öl und kein Gas mehr.
Primärenergieverbrauch in Deutschland 2021
In diesem Artikel betrachten wir, wie sich die Struktur des deutschen Energiemarktes in den ersten 16 Monaten des Krieges gegen die Ukraine verändert hat und welche Folgen dies für private Haushalte sowie für die Ausbaupläne der erneuerbaren Energien in Deutschland haben könnte.
Die Schwierigkeiten eines abrupten Ausstiegs
Versetzen wir uns zunächst zurück in das Frühjahr 2022. Damals galt der Verzicht auf russische Energieressourcen als außerordentlich schwierige Belastungsprobe für die Wirtschaft. Deutschland schien stärker als andere europäische Staaten von Gasimporten aus Russland abhängig zu sein. Zugleich ließ der bereits zuvor eingetretene Anstieg der Energiepreise befürchten, Europa müsse sich mit der bestehenden Lage arrangieren, um eine Wirtschafts- und Gesellschaftskrise zu vermeiden.
Trotz der Größe der Herausforderung wurden unmittelbar nach Beginn der Kampfhandlungen Pläne vorgestellt, Europa so schnell wie möglich von russischen fossilen Energieträgern unabhängig zu machen. Es wurden zentrale Aufgaben formuliert, die schließlich weitgehend umgesetzt werden konnten, ohne dass die meisten der von Skeptikern vorausgesagten negativen Folgen eintraten.
Die wichtigsten Vorschläge betrafen den Gassektor: eine Änderung der Wirtschaftspolitik, strengere Kontrolle über die Befüllung der Gasspeicher vor dem Winter, die Diversifizierung der Gaslieferungen, der Ausbau der Biomethanproduktion und die Einführung alternativer Technologien für Gebäudeheizung und Stromerzeugung.
Insgesamt sank dadurch der Bedarf der EU an russischem Erdgas auf ein Minimum. Deutschland konnte sogar noch vor Ende des Jahres 2022 vollständig auf Energieträger aus Russland verzichten.
Die grüne Transformation
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Frage, wie sich dieser abrupte Wandel der Energiepolitik auf den Ausbau erneuerbarer Energien und den Klimaschutz ausgewirkt hat.
In Stresssituationen greifen Volkswirtschaften häufig auf leicht verfügbare und billige „schmutzige“ Brennstoffe wie Kohle und Öl zurück. Im Fall der europäischen Energiekrise lässt sich inzwischen jedoch sagen, dass eher das Gegenteil eingetreten ist.
Betrachten wir dazu die Modellstudie „Carbon emissions and economic impacts of an EU embargo on Russian fossil fuels“ sowie den Bericht „Germany RePowerEU – one year on“.
Das unter Beteiligung eines Berliner Klimaforschungsinstituts erstellte Modell kommt zu dem Ergebnis, dass bei einer breiten Informationskampagne und einem Verzicht auf den überwiegenden Teil russischer Energieträger der Brennstoff- und Energieverbrauch um etwa zehn Prozent sinken könnte. Anpassungen der Industrie würden einen großen Teil der negativen wirtschaftlichen Folgen der Energiekrise ausgleichen.
Für die gesamte EU hätte dies nach dem Modell außerdem zu einer Verringerung der CO₂-Emissionen um zwölf Prozent geführt.
„Bei richtiger Planung bietet der von Moskau provozierte Ausfall die Chance, den Europäischen Green Deal und den Weg zur Klimaneutralität zu beschleunigen“, fasst Ottmar Edenhofer, Direktor des Instituts und Mitautor der Studie, zusammen.
Schauen wir nun auf den Bericht. Dabei handelt es sich nicht mehr um ein Modell, sondern um Ergebnisse des Programms RePowerEU, das die Veränderungen im europäischen Energiesystem beschleunigen soll.
Erdgasverbrauch
Nach Angaben des Berichts hat Deutschland seinen Gasverbrauch um 16 Prozent reduziert. Das ist weniger als der Durchschnitt aller europäischen Staaten, reicht aber aus, um die Ziele der Europäischen Union zu erfüllen.
Erreicht wurde dies durch optimierte Temperatureinstellungen in Gebäuden, geringeren Energieeinsatz in der Produktion, Informationskampagnen und den verstärkten Einsatz energieeffizienter Technologien im Bauwesen. Besonders stark verbreiteten sich im vergangenen Jahr beispielsweise Heizsysteme auf Basis von Solaranlagen und Wärmepumpen.
Diversifizierung der Lieferquellen und Ausbau der Gasinfrastruktur
Deutschland unternahm erhebliche Anstrengungen, um seine Abhängigkeit von russischem Gas nach dem abrupten Lieferstopp auf null zu senken.
Vor einem Jahr charterte Deutschland fünf schwimmende LNG-Terminals, damit Gas per Schiff importiert werden kann, bis drei dauerhafte Terminals gebaut sind.
Einige Umweltschützer kritisieren allerdings, dass der weitere Ausbau der Gasinfrastruktur den Ausbau erneuerbarer Energien behindern könne. Neue Gasinfrastruktur ermögliche eine längere Nutzung fossiler Brennstoffe, statt Investitionen direkt in alternative Energietechnik zu lenken.
Gasspeicherung
Deutschland erfüllte im vergangenen Winter seinen Plan zur Befüllung der Gasspeicher. Zu Beginn der Heizperiode waren die Speicher nahezu vollständig gefüllt; am 2. Mai 2023 lagen die Füllstände noch bei 67 Prozent.
Ausstieg aus der Kernenergie
Ein weiterer umstrittener Punkt ist der deutsche Atomausstieg. Seit April 2023 sind alle Kernkraftwerke in Deutschland abgeschaltet und produzieren keinen Strom mehr.
Nach der Katastrophe im Kernkraftwerk Fukushima I wurde beschlossen, auf Kernenergie zugunsten anderer Energiequellen zu verzichten. Trotz der sehr niedrigen direkten Umweltbelastung wurden vor allem das potenzielle Risiko eines Strahlenunfalls sowie die Probleme der Lagerung und Aufbereitung abgebrannter Brennelemente als Gründe genannt.
Beschleunigung des Ausbaus erneuerbarer Energien
Im vergangenen Jahr installierte Deutschland zusätzliche 9,8 Gigawatt Erzeugungskapazität aus erneuerbaren Quellen und erreichte damit insgesamt 148 Gigawatt. Das jährliche Ausbautempo stieg von fünf auf sieben Prozent.
Installierte Nettoleistung der Stromerzeugung in Deutschland – Clean Energy Wire
Kohlekraftwerke
Der RePowerEU-Bericht sagt wenig über die zusätzliche Inbetriebnahme von Kohlekraftwerkskapazitäten.
Tatsächlich wurden in der zweiten Hälfte des Jahres 2022 mehrere zuvor stillgelegte Kohlekraftwerke reaktiviert. Damit sollte verhindert werden, dass es in deutschen Industriezentren zu Stromengpässen kommt, während Gas, das zuvor in der Industrie genutzt worden war, für die winterliche Wärmeversorgung in Speicher umgeleitet wurde.
Bemerkenswert ist, dass die reaktivierten Kraftwerke überwiegend mit importierter Steinkohle betrieben werden, die im Vergleich als „sauberer“ gilt. Braunkohle hat zwar einen ähnlich großen Marktanteil und ist als heimischer Energieträger billiger, ihr Abbau erfolgt jedoch im Tagebau und zerstört große Flächen. Außerdem ist ihre Verbrennung weniger effizient und umweltschädlicher.
Daher wurde Steinkohle bevorzugt, die unter anderem aus den USA, Kolumbien, Südafrika, Australien und Indonesien importiert wird.
Tagebau Garzweiler, Nordrhein-Westfalen – Quelle: BuzzFeed News
2022 wurde beschlossen, die Laufzeit einiger Kohlekraftwerke länger zu verlängern. So sollten etwa die Braunkohleblöcke D und E des Kraftwerks Neurath ursprünglich Ende 2022 abgeschaltet werden. Sie sollen nun bis Ende März 2024 weiterlaufen; anschließend könnte ihre Laufzeit noch um höchstens ein Jahr verlängert werden.
Gleichzeitig wurden Vereinbarungen über einen beschleunigten Ausstieg aus der Braunkohleförderung getroffen. Das betrifft unter anderem RWE in Nordrhein-Westfalen, wo die Förderung nun bis Ende März 2030 beendet werden soll.
Nutzung erneuerbarer Energien
Mit dem wärmeren Frühjahr beginnt die Hochsaison der grünen Energie. Dann spielen ihre leistungsstärksten Quellen – Solar- und Windkraftanlagen – eine besonders große Rolle.
Die erste Hälfte des Jahres 2023 gehörte in Deutschland zu den sonnenreichsten Zeiträumen der jüngeren Vergangenheit. Dadurch deckten erneuerbare Energien im Mai mehr als die Hälfte des verbrauchten Stroms.
Die erzeugte Energiemenge lag nahezu auf dem Niveau der ersten Hälfte des Vorjahres, als Windkraftanlagen Rekordwerte erreicht hatten. Das zeigt, dass erneuerbare Energien sich als vollwertige Säule der Energieversorgung etabliert haben.
Wind- und Solarenergie ergänzen sich: In manchen Zeiträumen sorgt der Wind für hohe Produktionsmengen, in anderen die Sonne. Die Windkraft bleibt allerdings Deutschlands wichtigste erneuerbare Energiequelle, weil ihr Potenzial über dem der Solarenergie liegt.
Ein Problem beim weiteren Ausbau sind die Schwierigkeiten beim Bau von Windkraftanlagen an Land und besonders auf See. Offshore-Windparks sollen nach den Plänen zu den wichtigsten Lieferanten „grüner“ Elektrizität für die gesamte Europäische Union werden.
Der Bau ist jedoch kompliziert. Er erfordert zahlreiche Genehmigungen und eine anspruchsvolle technische Vorbereitung. Gleichzeitig dauern öffentliche Debatten an.
Gegner neuer Windräder argumentieren, die Anlagen beeinträchtigten Lebensräume von Vögeln und Fledermäusen, veränderten Landschaftsbilder und der beim Betrieb entstehende Infraschall wirke negativ auf Menschen. Befürworter halten dagegen, dass die Naturschäden begrenzt seien und gesundheitliche Schäden durch Infraschall nicht nachgewiesen seien.
Diese Konflikte begrenzen das Ausbautempo und erfordern weitere Anstrengungen zur Lösung der offenen Fragen.
Die ehrgeizigen Ziele Deutschlands – energetische Unabhängigkeit und ein steigender Anteil erneuerbarer Energien – sind eng miteinander verbunden und erfordern gemeinsame Anstrengungen von Regierung, Industrie und Gesellschaft.
Es ist notwendig, weiter in Innovationen zu investieren, Technologien zu verbessern, den Dialog mit der Gesellschaft zu führen und gute Rahmenbedingungen für Windkraft, Solarenergie und Biogastechnologien zu schaffen.
Nur dann kann Deutschland den Weg in eine nachhaltige, unabhängige und umweltfreundliche Energiezukunft weitergehen.
Quellen:
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buzzfeednews.com/article/gabrielsanchez/most-powerful-photos-of-this-week-june-28
https://www.dw.com/ru/morskie-vetroparki-stanut-osnovoj-elektroenergetiki-evropy/a-63140158