Der lange Sprung in die Freiheit

Wie junge Schriftsteller aus der Bundesrepublik und der ehemaligen DDR den Fall der Berliner Mauer erlebten – und warum ihre Bücher für russische Leserinnen und Leser im Jahr 2023 aktuell sind.

Ein Beitrag von Andrei Saposchnikow – exklusiv für Freies Russland NRW.

In Berlin gibt es eine romantische Stadtlegende: Die Zentrale des Axel-Springer-Verlags sei in den 1960er-Jahren absichtlich unmittelbar an der Berliner Mauer errichtet worden – als provokante „Geste für die Freiheit“. Später widerlegte die Pressestelle des Verlagshauses diesen Mythos wiederholt mit Fotos und Dokumenten. Sie zeigten, dass der Bau des Gebäudes an der Kreuzung der heutigen Rudi-Dutschke-Straße und Axel-Springer-Straße bereits zwei Jahre vor dem Mauerbau begonnen hatte. Trotzdem hat sich die Geschichte im Bewusstsein vieler Berliner festgesetzt und wird bis heute in der Presse weitererzählt.

Das ist kein Zufall. Axel Cäsar Springer, Gründer des Medienimperiums, das den Deutschen unter anderem Die Welt und Bild brachte, wurde zu einem der Symbole des westdeutschen Wirtschaftswunders in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Einen solchen Status konnte nur ein mustergültiger, beinahe karikaturhafter „Stoßarbeiter des Kapitalismus“ erlangen. Gerade wegen dieses Rufs geriet Springer sowohl bei den Behörden der „sogenannten DDR“ als auch bei der westdeutschen Neuen Linken und bei Radikalen aus dem Umfeld der terroristischen RAF in Ungnade.

Eine besonders bezeichnende Geschichte ereignete sich im Oktober 1969. Ein DJ des West-Berliner Radiosenders RIAS bat seine Hörer scherzhaft, sich vorzustellen, Axel Springer könne ein Konzert der Rolling Stones auf dem Dach seines neuen Gebäudes organisieren, damit die Musik auch auf der anderen Seite der Berliner Mauer zu hören wäre. In der DDR verbreitete sich diese Fantasie rasch als Gerücht, das viele für bare Münze nahmen – darunter auch die Springer-feindliche Stasi. Einer der Jugendlichen, die kamen, um die „Stones“ zu sehen, war der 16-jährige Eckart Mann. Er wurde von der DDR-Polizei zusammengeschlagen und als „antisozialistisches Element“ für zwei Jahre ins Gefängnis geschickt.

Im Jahr 2006 verabredeten sich Journalisten des russischen Fernsehsenders „Rossija-Kultura“ – den man damals noch ansehen konnte, ohne sich dafür schämen zu müssen – im 19. Stock der berühmten Zentrale. Aus dem Büro, das im Fernsehbeitrag teilweise zu sehen war, eröffnete sich ein großartiger Panoramablick auf den Ostteil Berlins, besonders auf Mitte. Von dort waren 37 Jahre zuvor junge DDR-Bürger vor der Polizei in Richtung Brandenburger Tor geflohen, nachdem sie vergeblich auf die Rolling Stones gewartet hatten.

Im Büro wartete der damals 39-jährige Schriftsteller Christian Kracht auf die Journalisten. In der Archivsendung wurde er als „Sohn eines Schweizer Bankiers“ vorgestellt – ein sachlicher Fehler. Christian Kracht senior, der in Hamburg geborene Vater des Schriftstellers, war ein enger Vertrauter Axel Springers. 1958 reiste er mit Springer nach Moskau zu Gesprächen mit Nikita Chruschtschow über die deutsche Wiedervereinigung und war lange Zeit Generalbevollmächtigter des Verlagshauses.

Sein Sohn wurde im schweizerischen Saanen geboren. Das hinderte ihn nicht daran, mit 28 Jahren einen Roman vorzulegen, ohne den nach Ansicht mancher Kritiker „die neue deutsche Literatur“ kaum denkbar gewesen wäre. Er heißt „Faserland“.

Als der Erzähler auf einer Straße in Heidelberg ein Plakat zum Film „Stalingrad“ sieht, denkt er an einen alten Mann mit acht Fingern aus einem Hotel und daran, wie glücklich er sich schätzen könne, in einem demokratischen Deutschland zu leben, in dem siebzehnjährige Jungen nicht an irgendeine Front geschickt werden.

„Faserland“ ist insgesamt eine einzige große Reflexion eines namenlosen jungen Mannes mit verschwommener Biografie und scheinbar bodenlosem Geldbeutel, der auf rund 200 Seiten ziellos von Nord- nach Süddeutschland reist. Sein Weg beginnt auf Sylt, in der letzten Kapitel findet sich der Protagonist schließlich in Zürich wieder.

Den Höhepunkt seiner Popularität sollte dieses Genre, das später als „neuer Dandyismus“ oder „Popliteratur“ bezeichnet wurde, in den 2000er-Jahren erreichen und sich von Deutschland auf andere europäische Länder sowie nach Russland ausbreiten. „Faserland“ ist jedoch vor allem im Kontext der deutschen 1990er-Jahre interessant: Christian Kracht war der erste junge Literat, der versuchte, die gesellschaftlichen Veränderungen im Deutschland „after the Wall“ literarisch zu erfassen.

Unmittelbar nach seinem Erscheinen stieß der Roman mit seinem kaum übersetzbaren Titel auf Kritik und Unverständnis im deutschen Buchhandel. Manche Händler glaubten nicht, dass man einen solchen Text „ernsthaft verkaufen“ könne. Ein Rezensent des Spiegel wunderte sich über diese Reaktion nicht, denn solche Romane würden in Deutschland normalerweise nicht geschrieben.

Tatsächlich knüpft „Faserland“ eher an eine jüngere amerikanische Literaturtradition an, die Bret Easton Ellis in den 1990er-Jahren mit „Unter Null“ und „American Psycho“ in den Mainstream geführt hatte. Mit dem Werk eines damals in der Bundesrepublik populären Patrick Süskind oder mit magischem Realismus hat der Roman wenig gemein. Das ist ein wichtiger soziokultureller Hinweis.

Der Erzähler von „Faserland“ ist eine Figur, über deren konkrete Biografie der Leser nichts erfahren wird. Einzelheiten lassen sich nur aus äußeren Merkmalen erschließen: aus dem Freundeskreis des Protagonisten, der überwiegend aus Erben millionenschwerer Vermögen mit psychischen Problemen besteht, aus seiner Fixierung auf Marken und Symbole der Popkultur, aus Erinnerungen an eine wohlhabende Kindheit und aus der dekadenten Perspektive, durch die Deutschland ihm als ziemlich übler Ort erscheint – bevölkert von „Nazis“. Ab einem gewissen Alter, so die zugespitzte Wahrnehmung des Erzählers, sähen ohnehin alle Deutschen wie hundertprozentige Nazis aus.

Krachts Figur wurde zur ersten literarischen Verkörperung eines Angehörigen der westdeutschen „goldenen Jugend“: materiell privilegiert, schon in jungen Jahren in einer existenziellen Krise und nicht bereit, sich in eine Gesellschaft zu integrieren, die sie verachtet. Die Wurzeln dieses Konflikts liegen tiefer als bloßer Snobismus oder Nihilismus.

Wie in der wohlhabenden amerikanischen Jugend der 1980er-Jahre, die Bret Easton Ellis beschrieben hatte, zeigen sich im Westdeutschland der 1990er unter vermögenden jungen Menschen erste Anzeichen einer Übersättigung am kapitalistischen Lebensstil. Paradoxerweise gehen sie mit der Ablehnung jeder denkbaren Alternative und mit umfassender Apathie einher.

Die Welt schrieb später, die Bücher Krachts und seiner stilistischen Nachfolger projizierten eher eine „angelsächsische Denkweise“. Deren Auftauchen in der deutschen Kunst fiel zeitlich damit zusammen, dass die in Westdeutschland aufgewachsene Generation X künstlerisch erwachsen wurde.

Im Jahr 2000 debütierte auch Florian Illies im Alter von 28 Jahren mit „Generation Golf“. Das Buch wurde sofort zum Bestseller, und sein vom Volkswagen Golf entlehnter Titel entwickelte sich zu einer Bezeichnung für eine ganze Gruppe junger Deutscher.

Wie Kracht zeichnete Illies das Porträt einer Epoche und einer verwestlichten Bundesrepublik, die von westlichen Marken und Popkultur durchdrungen war. Der Autor von „Generation Golf“ ist jedoch weniger distanziert-romantisch und literarisch, dafür kategorischer. Illies trat gewissermaßen als „Pressesprecher einer ganzen Generation“ auf und versuchte, ihr eine Diagnose zu stellen, die sich in einem Wort zusammenfassen lässt: unpolitisch.

Er beschreibt eine Generation, die sich vom Golfkrieg fernhielt, weil dieser die Eltern stärker beschäftigte, und die angesichts der Kriege in Bosnien und im Kosovo schließlich zu dem Schluss kam, die Welt sei zu kompliziert, um einfach für oder gegen etwas zu sein. Rote AIDS-Schleifen trug man vor allem deshalb, weil sie gut zum dunkelgrünen Barbour-Sakko passten.

Auf fast jeder Seite von „Generation Golf“ finden sich mehrere Markennamen. Über sie beschreibt der Autor, wie sich die Selbstidentifikation seiner Generation formte: Als Kinder aßen junge Deutsche Nutella zum Frühstück und schrieben mit Pelikan-Füllern; später lernten sie die „grundlegenden Unterschiede“ zwischen Mineralwassermarken wie Vittel, Evian und Volvic; schließlich kauften sie Barbour-Jacken und fuhren dunkelblaue Golf-Cabrios. So kam es, dass diese Generation noch keine Meinung über Gerhard Schröder hatte, sehr wohl aber über Wasser – Vittel.

Bemerkenswert ist, dass „Generation Golf“ auch über „Faserland“ und „American Psycho“ nachdenkt. Deren Beliebtheit unter jungen Deutschen erklärt Illies unter anderem damit, dass sie den „Markenfetischismus unserer Generation“ dokumentierten.

Florian Illies gesteht, dass der Protagonist von „Faserland“, der eine Schwäche für Barbour-Jacken hat – was ihn nicht daran hindert, eine davon zu verbrennen, weil sie ihm bei genauerem Nachdenken doch nicht so großartig erscheint –, auf die damalige deutsche Jugend eine „befreiende Wirkung“ hatte. Kracht war es gelungen, ihr ein detailliertes Porträt ihrer selbst vorzulegen. Sie erkannte, dass sie nicht allein damit war, die Entscheidung zwischen einer blauen und einer grünen Barbour-Jacke belastender zu finden als die Wahl zwischen CDU und SPD.

„Faserland“ und die nachfolgenden Beispiele der „jungen deutschen Novelle“ wurden für die westdeutsche Generation X zu einer Art Katechismus ihrer Wertvorstellungen und Begriffe – und zu Instrumenten, mit denen sie die „dumme Moral der 1970er-Jahre“ angriff, als deren Opfer sich die Generation Golf verstand.

Diese ganze „königliche Traurigkeit“ junger Westdeutscher, die sich dem vierten Lebensjahrzehnt mit einer aus Übersättigung und den Widersprüchen der Konsumkultur entstandenen Depression näherten, stieß bei ihren Altersgenossen aus der ehemaligen DDR auf völliges Unverständnis.

Jana Hensel, Journalistin, geboren und aufgewachsen in Leipzig, ärgerte „Generation Golf“ von Illies so sehr, dass sie beschloss, ein eigenes Generationenporträt als Antwort zu schreiben – eines, das die Erfahrungen der Deutschen auf der anderen Seite der Berliner Mauer abbildete.

2002 war Hensel 26 Jahre alt. Sie veröffentlichte das autobiografische Buch „Zonenkinder“ (in der englischen Ausgabe „After the Wall“). Mehr als ein Jahr hielt es sich auf der Spiegel-Bestsellerliste und erhielt eine begeisterte Reaktion von Angela Merkel.

Nach der Lektüre von Hensels Text werden die Ursachen des weltanschaulichen Konflikts zwischen den „Zonenkindern“ und ihren westdeutschen Landsleuten deutlich. Während Letztere – wie der Erzähler in „Faserland“ – ausländische Filme und Musik als „Mist“ abtaten, Markenkleidung verbrannten und sich in portugiesischen Ferienorten langweilten, riskierten ihre östlichen Altersgenossen ihre Freiheit, nur um mit westlicher Popkultur in Berührung zu kommen. Sie standen kilometerlang für die begehrten Levi’s 501 an – und mussten sich meist doch mit unförmigen Ersatzprodukten von Wisent oder Shanty begnügen – und verbrachten ihre Ferien in Warnemünde.

Materielle Entbehrungen waren jedoch nur ein Teil des Hintergrunds, der die Wahrnehmung der in der DDR Geborenen prägte. Bei Hensel findet sich sogar eine Sehnsucht, wie man sie von vielen Menschen aus postsowjetischen Gesellschaften kennt: nach dem begrenzten Warenangebot, der regelmäßigen Milchlieferung gegen Vorauszahlung und schlichter Kleidung – denn im Gegenzug sei alles „hochwertiger“ und vorhersehbarer gewesen.

Wirklich einschneidend und traumatisch für die „Zonenkinder“ war etwas anderes: Nach dem Fall der Berliner Mauer, schreibt Hensel, war ihre Vergangenheit gleichsam in einem Museum ohne Namen und Adresse eingeschlossen, und kaum jemand schien sich dafür zu interessieren, hineinzugehen und nachzusehen, was sich dort befand.

Angela Merkel äußerte sich ähnlich: Mit dem politischen Leben der DDR verschwand auch eine vielschichtigere alltägliche Lebenswelt.

Eine der emotionalsten Episoden in „Zonenkinder“ ist Hensels Erinnerung an einen Abend in einem Studentenwohnheim in Marseille. Ihre Freunde aus Italien, Spanien, Frankreich, Österreich und Westdeutschland gerieten in euphorische Stimmung und begannen, über Lieblingsfiguren und Filmreihen ihrer Kindheit zu sprechen. Sie stritten über die Schlümpfe, Asterix und Obelix, Pippi Langstrumpf und Donald Duck. Jana konnte zu diesem Gespräch nur Figuren aus ostdeutschen Kinderbüchern beitragen, die fast niemand sonst kannte: Alfons Zitterbacke und Ottokar Domma.

Die anderen schauten sie mit vagem Interesse an, doch die gemeinsame Euphorie im Zimmer war plötzlich verflogen. Hensel beschreibt, wie ihr übel wurde und wie müde sie davon war, sich so sehr von den anderen zu unterscheiden. Sie hätte einfach gern Kindheitsgeschichten erzählt wie die Italiener, Franzosen und Österreicher.

Seit 1989 mussten junge Menschen aus der ehemaligen DDR leben, ohne zurückblicken zu können, und eine neue Identität nach den Mustern des westdeutschen Lebensstils aufbauen. Ihr Vaterland war nicht einmal ein seltsames „Faserland“, das auf die Auflösung der deutschen Nation im Schmelztiegel der Pax Americana anspielte, sondern ein aufgeblähtes sozialistisches Simulakrum. Die Kulturwissenschaft sollte die fruchtlose Suche nach den Resten dieser verlorenen Zivilisation später „Ostalgie“ nennen.

Diese wertbezogene und existenzielle Leere durchzieht jede Seite von Ingo Schulzes „Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz“. Schulze wuchs in Dresden auf. Das Buch erschien 1998 und wurde später überraschend auch vom russischen Verlag Ad Marginem in Übersetzung herausgebracht.

Es besteht aus 29 kurzen Erzählungen, die tatsächlich sehr „simple“ sind. Wäre Schulzes Kurzprosa zum Untersuchungsgegenstand sowjetischer Literaturwissenschaftler geworden, hätten sie ihn vermutlich – in Anlehnung an Juri Trifonow – als Chronisten des Alltags bezeichnet.

Die Deutsche Welle schrieb, Ingo Schulze habe in der Bundesrepublik den Status des „wichtigsten Erzählers über die Gefühle der Ostdeutschen nach der Wiedervereinigung“ erlangt. Dieses Etikett scheint durchaus gerechtfertigt.

Die 29 Geschichten bieten weder spektakuläre Handlungen noch die für die Literatur der 1990er typischen postmodernen Experimente oder das endlose Namedropping eines Kracht oder Illies. Dafür geben sie die Orientierungslosigkeit sehr genau wieder, in der viele Ostdeutsche in den ersten Jahren nach dem Ende der DDR lebten.

Gerade darin erinnerte mich Schulze stark an den frühen Wiktor Pelewin, der Anfang der 1990er-Jahre an einer Art „Röntgenaufnahme der Seele des Sowjetmenschen“ arbeitete.

In „Zonenkinder“ gesteht Jana Hensel, dass sie in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung „jede freie Minute“ damit verbrachte, westliche Kultur und Lebensweisen zu studieren, um möglichst genau wie eine echte Bewohnerin der alten Bundesrepublik zu werden. Sie wollte nicht länger auffallen. Sie war es leid, dass Menschen im Supermarkt spöttische Bemerkungen über ihre Kleidung machten, und sie war es leid, in Restaurants die Hälfte der Speisekarte nicht zu verstehen. Sie wollte alles wissen, was die anderen wussten. Ihr Gehirn sei zu einem permanenten Scanner geworden, der Körpersprache, Verhalten, Slang, Frisuren und Kleidung ihrer Landsleute aus dem Westen registrierte.

Den schwierigen Prozess soziokultureller Assimilation beschreibt Schulze nicht auf persönlicher, sondern auf gesamtgesellschaftlicher Ebene: durch ehemalige DDR-Bürger, die für ihre erste Auslandsreise aus Gewohnheit Proviantpakete einpacken; durch naive junge Frauen aus der Provinz, die Opfer von Vergewaltigungen durch zugereiste Geschäftsleute werden; durch Kulissen wie „von der Stasi geerbte Schreibtische“ in Redaktionen; und durch Straßencafés, die scheinbar jeden Monat bankrottgehen.

Den Sinn solcher alltäglichen, „einfachen Geschichten“ erklärt anstelle des Autors, der mit Vorworten und Motti sparsam umgeht, die Erzählerin der ersten Novelle. Sie erzählt, weil Menschen alles zu schnell vergessen. Dabei sei noch gar nicht so viel Zeit vergangen, seit sie und Ernst dasselbe denken konnten und überall eine schwarz-rot karierte Tasche voller Konserven mit sich herumschleppten.

„Moskau 2023 – Leipzig 1979“: statt eines Schlussworts

Im Jahr 2023 Erinnerungen deutscher Autoren an das Leben in der DDR zu lesen und ihnen Skizzen der „satten“ westdeutschen 1990er-Jahre gegenüberzustellen, ist besonders interessant, wenn man selbst im heutigen Russland aufgewachsen ist.

Denn dabei versteht man, dass die traumatische Anpassung der „Zonenkinder“ an neue Realitäten, das Gefühl, keinen historischen oder kulturellen Boden unter den Füßen zu haben, und die Eifersucht auf westliche Gleichaltrige, die solche Probleme nicht kennen, kein spezifisches „Post-DDR-Syndrom“ sind.

Sie sind eine vorhersehbare Folge von Isolationismus und autoritärer Selbstüberschätzung, von verantwortungsloser staatlicher Politik, die Zukunft und Wohlergehen ganzer Generationen für grausame gesellschaftliche Experimente aufs Spiel setzt.

Ich kann Jana Hensel verstehen, die sich in der unbekümmerten „Generation Golf“ nicht wiederfindet und angesichts der Kontextlosigkeit ihres kulturellen Hintergrunds unter so ähnlich wirkenden Studierenden aus anderen europäischen Ländern beinahe körperliches Unwohlsein verspürt.

Auch ich kann mich zum Beispiel beim Blättern durch die Essaysammlung „Generation Z“ der 22-jährigen aufstrebenden deutschen Publizistin Valentina Vapaux über die Probleme der europäischen Jugend oder beim Zuhören, wenn amerikanische Freunde über die ethische Vertretbarkeit des Kaufs von echtem Honig diskutieren, nicht vollständig in diese Narrative hineinversetzen – obwohl ich das sehr gern würde.

Mein Staat hat mich als sehr jungen Menschen jedoch in eine Lage gebracht, in der solche Überlegungen zum Luxus geworden sind. Nur selten kann ich mich von der ständigen Auseinandersetzung mit Krieg, menschlichem Leid, kollektiver Verantwortung für die Verbrechen eines politischen Regimes, das ich nicht gewählt habe, dem Aufbau einer neuen, vom Heimatland losgelösten Identität und all den anderen Fragen lösen, neben denen selbst die Probleme der post-DDR-Gesellschaft weniger gravierend erscheinen.

Denn die russische Jugend kann bislang weder auf Hilfe bei der Integration in eine „normale“ Welt noch auf einen freundlichen Empfang mit „Begrüßungsgeld“ und Mitgefühl auf der anderen Seite einer symbolischen Mauer hoffen.

Leider muss man vielmehr damit rechnen, dass selbst bei einer vergleichsweise günstigen Lösung der heutigen Krise in dem, was von Russland übrig bleibt, wieder eine Schicht von Bürgern entstehen wird, die – ähnlich wie völlig verbohrte „Putin-Versteher“ – nostalgisch an „Dobry Cola“ zurückdenkt, so wie manche Ostdeutsche an die herbe Vita Cola; die sich nach der „Ordnung“ sehnen wird, die nicht kontrollierbare Sicherheitsdienste herstellen, oder nach blauen Pionierhalstüchern.

Und wieder könnte niemand sie daran hindern, eine neue „starke Hand“ zu wählen – möglichst jemanden mit Diensterfahrung in der DDR oder einer vergleichbaren Diktatur. Und wieder könnte die ganze Welt unter den Folgen einer besonders ausgeprägten Form postkommunistischer Nostalgie in einem einzelnen Land leiden.

Dabei möchte man manchmal einfach nur Nutella zum Frühstück essen, mehr über Mineralwassermarken wissen als über den eigenen Bundeskanzler und mit ausländischen Freunden im Studentenwohnheim unbeschwert über Asterix und Obelix diskutieren.